Bernd Röthlingshöfer

Zuerst las ich, um coole Leute zu treffen. Mit sechs kannte ich Leute, die wilde Mustangs zuritten und Kerzendocht mit dem Colt auspusten konnten. Sie aßen Büffelfleisch (nicht aus der Dose!) und trafen echte Indianer.
Als ich zehn Jahre alt war, war ich mit den Indianern fertig und segelte mit Odysseus über die Weltmeere. Die coolen Leute waren jetzt Götter, aber ganz und gar nicht katholisch drauf, was ich damals spannend fand.

Als Teenager

Danach konzentrierte ich mich auf Weltliches: Meine ganz persönliche Aufklärung. Die Bravo Foto-Love-Story und das Medizinbuch meiner Eltern halfen mir dabei. Ich las hinterm Sessel, im Bett, auf dem Sofa, auf der Toilette.
Mit 14 konnte ich im Stehen lesen. Die Trambahn fuhr 45 Minuten und ich lernte Jean Paul Sartre kennen. Eine Zeitlang ähnelte ich ihm sogar mit meiner schwarzen Hornbrille. Meine Haare wurden länger und ich folgte Camus auf Lektürereisen nach Algerien. Existenzialisten hatten übrigens die tollsten Frauen.

Als Werbetexter

Als ich mit 23 Jahren Werbetexter wurde, verstaubten die Bücher. Ich las Produktbeschreibungen von Möbeln, Satelliten, Teewurst und Laborgeräten. Da las ich, um schreiben zu können. Ich übersetzte die Sprache von Ingenieuren, Metzgern, Chemikern oder Martingleitern in das Deutsch, das jeder von uns versteht. Ganz ehrlich: Ich versuchte, die Produkte viel cooler zu machen. Ich träumte davon, aus Möbelkatalogen wie aus Gedichtbänden vorzulesen. Die Leute würden verständig nicken, es gäbe Rotwein und Kerzenlicht. An manchen Stellen würden Sie artig losprusten.
Ich träumte das vielleicht noch heute, wenn ich es nicht gelassen hätte. Die wenig verträumte Wahrheit war, dass ich im falschen Leben steckte. In solch einer Lage lesen die Leute Martin Walser und fühlen sich danach noch beschissener.
Wisst ihr, dass es Autoren gibt, die das Leben verändern? Murakami, Irving, Ian Mc Ewan, Fried oder Sedaris sind ein paar Namen. Am Ende hat mir Adam Thirlwells Buch „Strategie“ den entscheidenden Kick gegeben.

Als Buchautor

Seit ein paar Jahren schreibe ich selbst Bücher. Ich kann nicht sagen, dass ich noch lese, um coole Leute zu treffen. Denn die Helden in den modernen Romanen sind gar keine mehr. Manche stellen sich doofer an, als man selbst denken könnte.
Ich lese nur noch, um Geschichten zu finden. Sind das nicht tolle Welten, die aus nichts als aus Wörtern bestehen? Wer das genau nimmt, muss sagen: Ich lese, um Wörter zu finden. Und genau das tue ich. Ich finde Wörter. Ich stelle sie an einen schönen Platz in meinem Inneren, betrachte sie von allen Seiten. Und lese weiter.

Bernd Röthlingshöfer ist seit über 20 Jahren in der Werbung tätig. Zunächst als Texter, Kontakter, Kreativdirektor, Agenturinhaber. Und dann als Autor, Business-Speaker und Lehrbeauftragter für Werbung, Marketing und Mundpropaganda. Link zur Webseite